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KRITIKEN




MÄNNER, FRAUEN, ENGEL UND MÖPSE

Basellandschaftliche Zeitung, 11.02.2011 (Autor: Verena Stössinger)


TanzTage. Meser und Fleischlin in einer witzigen „performativen Untersuchung“ von Geschlechterrollen.

Was macht, auf den ersten Blick, einen Mann zum Mann und eine Frau zur Frau? Es ist nicht nur Kostüm, Figur, Frisur, sondern auch das Bewegungsrepertoire. Das ist nicht neu; Feministinnen haben schon vor dreißig Jahren männliche und weibliche Körpersprache minuziös studiert und unterteilt: Männer spreizen sich lässig breit und eckig, wo Frauen sich schmal und adrett einfalten, pauschal gesagt, und dass das heute noch so ist und von uns sofort richtig gelesen wird, zeigen die ersten Nummern der sehr unterhaltsamen Gender-Performance von Meser und Fleischlin, die im Rahmen der TanzTage Basel in der Kaserne zu sehen war.


Lieber einen Bühnenflirt

«Come on baby» heißt der Abend, der zunächst die körperlichen «Codes» von Helden und Männern hätte «knacken» sollen. Davon erzählen die Performerinnen und geben zu, dass sie jedoch bald lieber einen männlich-weiblichen «Bühnenflirt» veranstalten wollten mit «handgemachten Effekten, Kitsch und Verzauberung». Doch weil man auf nichts Neues stößt, wenn man schon weiß, was man sehen möchte, folgen auf die noch leicht identifizierbaren männlich/weiblichen Bewegungsabläufe  auf dem Licht-Laufsteg zunehmend vertracktere. Und die klare Lesbarkeit der Körper weicht einem Spiel, das die Codes infrage stellt und Grenzen ritzt.

Mischwesen werden sichtbar: die Diva mit der Männerstimme, ihr femininer Partner Ringo mit aufblasbaren Möpsen an der Leine, und schließlich Doppelwesen: beide Darstellerinnen stecken in einem Kostüm, dessen eine Hälfte ein schwarzer Anzug ist und die andere eine rote lange Abendrobe – und wenn sie miteinander tanzen, sehen wir zwei Paare oder eins, das die Identität von Mann und Frau zusammenzwingt. Das ist präzise gemacht und kommt sehr unterhaltend daher. Ist großes Spiel. Denn (auch) mit Geschlechter-Identitäten lässt sich spielen, sehen wir; ganz leicht und fröhlich.


Patriarchale Machtverhältnisse

Das war vor dreißig Jahren anders. 1980 las Marianne Wex männliche und weibliche Körpersprachen noch explizit ernsthaft als «Folge patriarchalischer Machtverhältnisse», als Abbild des realen Gegenübers von Macht und Ohnmacht. Heute interessiert am Thema, im Theater, neben dem leichtfüßigen Spiel etwas ganz Anderes: die Durchlässigkeit der Rampe nämlich. Die Tänzerinnen holen sich Leute aus dem Publikum und inszenieren sie zum Showfinale. Die «handgemachten Effekte» dabei sind die synchron hopsenden Möpse, und «Kitsch und Verzauberung» entstehen durch Engelsflügel, Musik und Goldflitter. Schön ist das und sehr komisch, etwa wenn Männer in langen Ballröcken ganz lässig eckige Frauen spielen. Was schließlich bei aller Queer-Lust und -Freiheit wieder beweist, dass es natürlich noch immer Unterschiede gibt zwischen männlicher und weiblicher Körpersprache. Und wir sie sofort erkennen. Wie früher. Jetzt aber (eher) drüber lachen.





COME ON BABY

Ballet-Dance-Magazine, 13.04.2011 (Autor: Renee E. D‘Aoust)


Beatrice Fleischlin & Anja Meser // Swiss Dance Days, Bern, Switzerland

What begins as a gender exploration by two women about men and masculine gestures, gradually transforms into a cabaret spoof complete with a chorus line of pug balloons and tribute to Jennifer Grey and Patrick Swayze. If I’m not mistaken, the same choreography from the film is used in this “Dirty Dancing” duet. It is this skill - mimicking recognizable movement to the tune of pop culture allusions - that propels an evening with Beatrice Fleischlin and Anja Meser into raucous hilarity.

“Come on Baby,” created and performed by Beatrice Fleischlin and Anja Meser, accomplishes the impossible: an audience participation event that is fun and funny. I don’t think you need to be a lover of little dogs to appreciate the use of pugs onstage. Even if they are only balloons, they still have four legs and four paws. Like a magician, Fleischlin makes them fly through the air, dancing in suspended pug animation. Circus possibilities are far too often overlooked by contemporary dance practitioners.

When some audience members were reticent to participate in the instant dance recital that capped off the show, Fleischlin asked, “Who wants to play with a dog?” Suddenly several people leapt up, and Fleischlin had more participants than she needed. In a sweeping gesture of inclusion, she used them all, although some volunteers didn’t get to corral doggies but under Meser’s direction were angels instead. (And Meser was very good about passing over audience members who scrunched down in their seats, trying not to be noticed.)

If you’re one of those people who don’t like the mix of genres, which you have to admit does provide possibilities of whacked-out glee, or if you don’t like thinking of little dogs and modern dance together, ask yourself why. I think you might be missing the best use of little dogs known to (wo)man.

So how did we get from masculine gestures to a reverie about pugs? Well, through dance, of course. Or, as Beatrice Fleischlin says with a twinkle in her eye, through “performative exploration.” Go ahead and forget that serious stuff, which doesn’t make any sense but is supposed to mean something yet only leaves you befuddled as you walk home from the theater.

Here we have serious stuff done in a campy way - all with an eye towards hard-hitting cultural critique. I didn’t realize that a little girl growing up in Germany would think of MacGyver as her hero; he fixes things, and she wanted to fix things, too. She also wanted to be a superhero. I think the reason “Come On Baby” made me laugh so hard is because Fleischlin and Meser poke fun at everyone and everything, mostly themselves, but they are not mean and nasty about it either. Donald Duck gets kicked out of the show, to be “saved for another project,” and then you turn around to the lighting booth to see the technical director and lighting designer Wolfram Sander sing. Sander’s presence throughout the show was sweet - and he’s a good singer - while his lighting deftly illuminates aspects of cabaret and of contemporary dance. Only half the audience got the live joke. The other half, like me, at first, probably thought Fleischlin was only lip-synching to “I Am What I Am”. She did a damn good job of it, too. The set works either way, but it’s lovely to see a techie sing. Sander probably does this all the time while setting up or taking down the show, but not during. In the world of “Come On Baby, everything happens during the show.

Fleischlin and Meser are super heroines at performing slapstick physical humor with the ability to make tiny changes in the placement of the leg or the chin to indicate a gender shift. Their comedic timing is impeccable. The Fleischlin and Meser duo show us cabaret currents in contemporary dance. They hide nothing, but they keep the theatrical mystery alive, too. Hurrah for women with balls - and pugs!






DAS MÄNNLICHE IN DER FRAU IST GANZ SCHÖN STARK

Tagesanzeiger Zürich, 02.05.2011 (Autorin: Maya Künzler)


Zürich, Gessnerallee – Warum denn nicht gleich tun, was Frau sich sehnlichst wünscht, ohne all die Um- und Irrwege? Aber eben, das Leben ist viel komplexer und vertrackter, wie uns «Come on Baby» vor Augen führt - die performative Untersuchung des Mannes von Beatrice Fleischlin und Anja Meser. Verspielt und mit Augenzwinkern zeigen uns die beiden Performerinnen, wohin die Recherchen am männlichen Studienobjekt (ver)führen können.

Am Ende gipfelt das Unternehmen in einer richtig schön kitschigen Tanzshow. Aus dem Bühnenhimmel ergiesst sich Goldregen auf die Köpfe des Duos sowie auf acht Freiwillige aus dem Publikum. Dazu wedeln diese, Frauen wie Männer, nach einem choreografischen Crashkurs, fröhlich mit ihren langen Abendroben, hüpfen und führen ein Hundeballett an der Leine. Zuvor werden die Zuschauer, ausgehend von der Gender-Debatte, durch einen wahrhaft mäandernden Abend geleitet. Fleischlin und Meser erzählen von jenen männlichen Helden, die Bomben bauen und Menschen retten. Mit Pokerface oder verlegenem Grinsen schreiten sie, typisch Mann, den Catwalk entlang. Kein Held sei ohne ein Alter Ego, mit dem er sich verbrüdern, mit dem er raufen könne.

Was die Performerinnen auf offener Bühne gleich selber gnadenlos testen: Sie prügeln sich, kunstvoll abgestimmt, ganz unweiblich und doch unvergleichlich als Frauen. Dazwischen tanzen die beiden mit sich selbst und gemeinsam; spricht eine mit tiefer Stimme und trägt dabei ein schillerndes Cocktailkleid.

Und was lernen wir daraus, bis zum lustvollen, leicht verrückten Höhepunkt des Abends? Dass alles mehr und anders ist - und das Männliche in der Frau ganz schön stark.



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