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KRITIKEN




HINREISSEND STERBEN

Tagesanzeiger/Züritipp, Do. 21.03.2013 (Autor: Andreas Tobler)


Bis dass der Tod uns aus den Schuhen haut: «Drop Dead, Gorgeous!» ist eine heitere Revue über das sichere Ende.

Der Tod ist ja nicht unbedingt das Thema, mit dem man sich beschäftigen möchte. Aber genau darum geht es in «Drop Dead, Gorgeous!», einem Bühnenprojekt von Beatrice Fleischlin, Anja Meser und Marlene Oberholzer. Die drei Performerinnen erzählen, wie oft sie dem Tod schon entkommen sind, in welcher Kleidung sie eingeäschert werden möchten, dass eine von ihnen nach dem Tod ihre Asche zu einem Diamanten verarbeiten lassen will – und was sie alles tun wollen, bevor es so weit ist. Zum Beispiel eine Schneeschuhwanderung machen, auf das Jungfraujoch steigen, ein Strassenschild klauen, eine Band gründen oder ein Lied auf der Bühne singen, das die Zuschauer aus den Schuhen haut.

«Drop Dead, Gorgeous!» schreitet dem Tod heiter entgegen. Es gibt darin Lieder, schnelle Auftritte, wechselnde Abendroben, Glitter, Trockeneisnebel, Gummiskelette und eine Parodie auf E. T., den Ausserirdischen, der nie sterben, sondern immer nur nach Hause wollte. Klar, es entstehen in dieser Soiree auch Momente der Beklommenheit, beispielsweise dann, wenn es um das Abschiednehmen und die Frage geht, was nach dem Tod kommt. Besonders stark in dieser Hinsicht ist der Auftritt von Anja Meser, in dem sie mit einem Dankesbrief und einem weissen Luftballon Abschied von ihrem Stiefvater nimmt, der während der Proben starb.

Man folgt diesem Todesabend auch aus Sympathie für die Performerinnen, die uns auf einer sehr persönlichen Ebene begegnen – nicht nur Anja Meser, auch Marlene Oberholzer, die als Sängerin auf Abdankungsfeiern auftritt, und Beatrice Fleischlin, eine der gefragtesten Performerinnen der freien Theaterszene. Und «Drop Dead, Gorgeous!» ist nicht zuletzt deshalb ein so leichter Abend, weil die Performerinnen darin auch zeigen, was man gegen die Angst vor dem Unabwendbaren machen kann: zum Beispiel Akkordeon spielen oder ein fröhlich-ironisches Projekt über den Tod auf die Bühne bringen. «Das fühlt sich gut an», meint Beatrice Fleischlin dazu im Stück. «Mir geht es dabei gut.» Uns auch.




ZU SCHÖN, UM TOT ZU SEIN

Badische Zeitung, Fr. 11.01.2013 (Autor: ama)


Die Kaserne Basel zeigt "Drop Dead, Gorgeous", ein Stück um Leben und Tod von Beatrice Fleischlin und Anja Meser.

"So etwas kann ich einfach nicht tragen", sagt Marlen und spricht von Leichenhemden. Anja scheint da abgebrühter, schließlich hat sie ihren ersten Tod schon als Fünfjährige durchlebt und ist in dem Metier seither weiter hyperaktiv. Ein echtes Problem mit dem Sterben hat, wenn’s wahr ist, einzig Beatrice. Sie kann sich mit dem doppelt drohenden Verlust ihrer lebenslang gewachsenen Selbstbestimmtheit nicht abfinden. Die Grenze zwischen wahr und unwahr lässt sich indes schwer ziehen. Zwar stellen sich die drei Frauen in "Drop Dead, Gorgeous", einem Stück um Leben und Tod, das am Mittwoch in der Basler Kaserne Premiere hatte, mit vollem Namen vor und erzählen Stationen ihres wirklichen Lebens. Aber was ist Wahrheit, was Performance, was Theater?

Und was ist das Leben überhaupt, das doch unausweichlich nur Staub wird zum Schluss? Da ist auch das Wortspiel der Überschrift am Platz, das sich ohne Komma als "zum Umfallen schön" übersetzt, mit jedoch in "fall tot um, Schönheit" wechselt. Den mit der Sichel und der schwarzen Kapuze nimmt natürlich trotzdem niemand ernst, sowenig wie die Skelette, die zuhauf auftreten und im Bühnenhauch flatternd, schon wieder nahe daran sind, selbst Leben vorzugaukeln. Wer aufgeblasen daher kommt, wirkt indes immer lächerlich, auch der Tod. Beatrice Fleischlin, die in der letzten Spielzeit noch Hausautorin am Theater Basel war und zusammen Anja Meser seit längerem mit ihrem in Teilen verwandt gestrickten Erfolgsstück "Come on Baby" unterwegs, nimmt es immer wieder auf mit den verschiedenen Seiten eines scheinbar eindeutigen Phänomens.

Luftfiguren sind ihr dabei ebenso zum permanenten Accessoire geworden wie das vieldeutige Schweben zwischen Life-Performance und durchchoreographiertem Theater. Fleischlin/Meser folgen in ihrem Stück gleichwohl immer einer präzisen Dramaturgie, zu deren Standardrepertoire auch herrlich synchron bewegte Passagen gehören. Zeitlupenläufe, die sich nach Bedarf vor- und zurückspulen lassen, kommen dazu und hier und da derart fliegende Kostümwechsel, dass hier eben doch wohl höhere Mächte im Spiel sein müssen. Stimmgewaltige Unterstützung haben sich die beiden längst perfekt aufeinander eingespielten Performerinnen diesmal bei Marlen Oberholzer geholt, die man gerne möglichst bald und am liebsten a-capella unbegleitet wieder hören möchte. Sie gibt dem Ganzen eine dritte klangliche Wahrheit und ist gleichzeitig die nächste Sollbruchstelle zwischen Realität und Fiktion, die sich wundersamerweise immer gerade aus dem ergibt, was ist. Draußen vor dem Rossstall der Kaserne, wo "Drop Dead, Goergeous" einen etwas intimeren Rahmen findet, als ihn die Reithalle bieten könnte, hat zeitgleich mit der Premiere der Erinnerungskünstler Mats Staub sein neues Langzeitprojekt eröffnet: "Zehn wichtigste Ereignisse meines Lebens".

Plakate porträtieren anhand von Lebensstationen anonym Menschen, die irgendetwas mit dem Ort zu tun haben. Bühnenperformance und Ausstellung fließen dabei perfekt ineinander. Jeder, der verkürzt dargestellten Lebensläufe hat etwas real Irreales, schon indem er nur alle je ausgeübten Berufe jedes Dargestellten aufzählt. Marlen Oberholzer ist übrigens technische Operationsfachfrau, Anja Meser gelernte Rechtsanwalts- und Notargehilfin, Beatrice Fleischlin hat auch schon zwischen Bäuerin und Tankwart gependelt, bevor sie zum Theater fand. Das ist alles überhaupt nicht zum Lachen und auch gar kein Theater. Zusammengenommen heben alle die kleinen Wahrheiten und flackernden Lebensausschnitte trotzdem den Vorhang zu einem vergnüglich anrührenden und großen Stück.






WEITERE PRESSESTIMMEN



Mitunter streift der 80-minütige Abend das Kabarettistische, etwa wenn Anja Meser unter beachtlichem Kostümwechselturnus die evolutionäre Leistung der Hypochonder und Weicheier würdigt. Natürlich bekommt auch der Tod seinen Auftritt - erst Beatrice Fleischlin mit Kapuzenshirt, später in Form aufblasbarer Knochenmänner. Und wenn Marlen Oberholzer "Cross over Jordan" zu singen beginnt, wird das Sterben zum großen Kino, zum Musical, einer schönen Illusion, der man sich mit viel Flitter hingeben kann.

Nachkritik, 10.01.2013 (Anette Hoffmann)





Damit ist gleich mit dem Titel gesagt, dass das Sterben an diesem Abend nicht als trübsinnige Kost serviert wird, dass es nicht um eine esoterische Abhandlung um den Übergang aus dem Dies- ins Jenseits geht, sondern... sondern um was denn nun? Um eine stille, ironische Etüde über das Sterben. Irgendwie.

Tageswoche Basel, 10.01.2013 (Dominique Spirig)





Der Tod schleicht sich nicht auf leisen Sohlen heran. Er stöckelt in roten Pumps über die Bühne, tritt im Glitzerkleid auf und ist - entgegen jeder Erwartung - äusserst humorvoll.

Die todesmutige Performance ist irgendwo anzusiedeln zwischen autobiografischer Ironie, künstlerischem Sarkasmus und musikalischer Verausgabung wobei die Trennlinie zwischen Kitsch und Ästhetik fein ist.

Basler Zeitung, 11.01.2013 (Julia Voegelin)





Tod dem Tod. Fleischlin/Meser/Oberholzer. Klingt brachial, ist auch das Trio, das »Drop Dead, Gorgeous!« veranstaltet. Ein Abend, an dem der Tod omnipräsent ist. Aber nicht à la Requiem und Leserunde römisch-katholisch. Nein, hier wird dem Tod eins in den Hintern geblasen, samt Bläsersection und anderen performativen Drohgebärden. Wer den Tod das Fürchten lehren und ein Heliumskelett mit nach Hause nehmen will, tritt bitte vor.

Ron Orp Luzern, 17.01.2013 (ron orp)




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